„Ich kann mir einfach keine Namen merken.“ – „Ich vergesse ständig, wo ich Sachen hingelegt habe.“ Sätze wie diese höre ich häufig, meist begleitet von der Annahme, das Gedächtnis sei einfach so, wie es ist – gut oder eben nicht so gut, unveränderlich.
Als ausgebildete Konzentrations- und Gedächtnistrainerin (AHAB-Akademie) kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen: Das stimmt so nicht. Gedächtnis ist keine feste Eigenschaft, sondern eine Fähigkeit, die sich mit den richtigen Techniken gezielt trainieren lässt – unabhängig vom Alter. In diesem Artikel erkläre ich dir nicht nur die Theorie dahinter, sondern gebe dir konkrete Techniken und Sofort-Tipps an die Hand, die du noch heute ausprobieren kannst.
Am Ende gehe ich außerdem gezielt auf eine aktuelle Situation ein, die gerade viele Berliner Familien beschäftigt: die Vorbereitung auf die BBR-Prüfung für Neuntklässler.
Kurz zusammengefasst
- Gedächtnis ist trainierbar – wie ein Muskel
- 3 Grundprinzipien: Bilder, Verknüpfung, Wiederholung
- 5 konkrete Tipps zum sofortigen Ausprobieren
- Extra: Gedächtnistraining vor der BBR-Prüfung
Was ist Gedächtnistraining eigentlich?
Gedächtnistraining bezeichnet gezielte Übungen und Techniken, mit denen sich die Fähigkeit verbessern lässt, Informationen aufzunehmen, zu speichern und später wieder abzurufen. Anders als viele denken, geht es dabei selten um stures Auswendiglernen – sondern vor allem darum, Informationen so aufzubereiten, dass sich unser Gehirn sie leichter merkt.
Unser Gedächtnis funktioniert nämlich nicht wie eine Festplatte, die einfach Daten abspeichert. Es merkt sich Dinge besonders gut, wenn sie mit Bildern, Emotionen oder bereits bekanntem Wissen verknüpft sind. Genau an diesem Punkt setzen die klassischen Gedächtnistechniken an, die teilweise schon seit der Antike bekannt sind – etwa die sogenannte Loci-Methode, bei der man sich Informationen entlang eines gedanklichen Weges durch einen vertrauten Ort merkt.
In meiner Ausbildung an der AHAB-Akademie habe ich gelernt, wie unterschiedlich diese Techniken je nach Situation eingesetzt werden können – von Namen und Vokabeln bis zu komplexen Lerninhalten für Schüler und Erwachsene.
Die drei Grundprinzipien hinter jeder Gedächtnistechnik
So unterschiedlich einzelne Techniken auf den ersten Blick wirken, basieren fast alle auf denselben drei Prinzipien.
1. Bilder statt abstrakter Begriffe
Unser Gehirn merkt sich bildhafte, konkrete Vorstellungen deutlich besser als abstrakte Wörter oder Zahlen. Wer sich zum Beispiel eine Einkaufsliste als lebendige, etwas absurde Bildergeschichte vorstellt, merkt sie sich meist zuverlässiger als durch reines Wiederholen der Wortliste.
2. Verknüpfung mit Bekanntem
Neue Informationen bleiben leichter hängen, wenn wir sie mit etwas verbinden, das wir bereits kennen – einem Ort, einer Geschichte, einem bereits gelernten Begriff. Diese Verknüpfung schafft im Gehirn zusätzliche „Ankerpunkte“, über die wir die Information später wieder abrufen können.
3. Wiederholung zum richtigen Zeitpunkt
Einmaliges Lernen reicht selten aus. Entscheidend ist, Inhalte in sinnvollen Abständen zu wiederholen – nicht stur täglich, sondern in zunehmend größer werdenden Abständen (auch „spaced repetition“ genannt). So wandert Wissen zuverlässiger vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis.
Kleiner Wissens-Check: Kennst du diese Gedächtnistechniken?
Klicke jeweils die Antwort an, die du für richtig hältst.
1. Bei der Loci-Methode verknüpfst du Informationen mit …
2. „Spaced Repetition“ bedeutet …
3. Warum merken wir uns Bilder oft besser als abstrakte Begriffe?
5 Tipps, die du noch heute ausprobieren kannst
Theorie ist gut, aber wirklich wirken Gedächtnistechniken erst, wenn du sie tatsächlich anwendest. Hier sind fünf ganz konkrete Schritte, mit denen du direkt loslegen kannst – keiner davon dauert länger als ein paar Minuten.
- Wähle EINE Sache aus, die du dir jetzt merken willst – zum Beispiel 5 Vokabeln, eine Einkaufsliste oder die Namen von drei Personen, die du kürzlich kennengelernt hast.
- Stell dir 5 Minuten Zeit ein und wende ausschließlich die Loci-Methode darauf an: Verknüpfe jeden Punkt mit einer Station auf einem Weg, den du gut kennst, zum Beispiel durch deine Wohnung.
- Schreib dir NICHTS auf. Genau das Weglassen von Notizen zwingt dein Gehirn dazu, die Information aktiv zu verarbeiten – das ist ein zentraler Teil des Trainingseffekts.
- Koppel die Übung an eine bestehende Routine, zum Beispiel direkt nach dem Aufstehen oder kurz vor dem Schlafengehen, damit du sie nicht vergisst.
- Rufe die Information am nächsten Tag noch einmal ab, ohne nachzuschauen. Damit beginnst du bereits mit „spaced repetition“ – einer der wirksamsten Techniken überhaupt.
Wiederhole diese fünf Schritte an ein paar aufeinanderfolgenden Tagen mit wechselnden Inhalten – danach hast du bereits ein solides Grundgerüst für eigenes Gedächtnistraining.
Beispiel: So merkst du dir 5 Begriffe in 3 Minuten
Damit die Loci-Methode nicht abstrakt bleibt, hier ein konkretes Durchspiel-Beispiel. Angenommen, du möchtest dir diese 5 Vokabeln merken: Apfel, Fenster, Drache, Regenschirm, Uhr.
- Station 1 – Haustür: Stell dir vor, ein riesiger, glänzender Apfel klemmt in deiner Haustür fest und du musst dich dran vorbeiquetschen.
- Station 2 – Flur: Im Flur fliegt plötzlich ein Fenster durch die Luft und landet krachend vor dir auf dem Boden.
- Station 3 – Wohnzimmer: Auf deinem Sofa sitzt ein kleiner, grüner Drache und schaut fern.
- Station 4 – Küche: Aus dem Kühlschrank klappt sich ein bunter Regenschirm auf, sobald du ihn öffnest.
- Station 5 – Badezimmer: Über dem Spiegel hängt statt einer Lampe eine riesige tickende Uhr.
Wenn du diesen Weg jetzt gedanklich noch einmal abgehst – Haustür, Flur, Wohnzimmer, Küche, Badezimmer – fällt dir jede Vokabel automatisch wieder ein, weil sie an einen festen Ort gekoppelt ist. Je verrückter und lebendiger die Bilder, desto besser funktioniert es – das ist kein Zufall, sondern genau das Prinzip aus dem ersten Abschnitt dieses Artikels in Aktion.
Genau dieses Prinzip ließe sich übrigens genauso auf Merksätze, Formeln oder Fachbegriffe aus der Schule anwenden – einfach die eigene Wohnung als gedanklichen „Speicherort“ nutzen.
Wie du dranbleibst, statt nach ein paar Tagen aufzugeben
Der häufigste Grund, warum Gedächtnistraining nicht zur Gewohnheit wird: Man versucht zu viel auf einmal. Aus meiner Erfahrung in der Trainingspraxis reicht es völlig, mit EINER Technik zu starten und sie an echten Alltagssituationen zu üben, statt gleich mehrere Methoden gleichzeitig zu lernen.
Genauso wichtig: Erwarte nicht sofort Perfektion. Es ist normal, dass sich ein Bild oder eine Verknüpfung anfangs etwas holprig anfühlt. Mit jeder Wiederholung wird der Prozess automatischer – ähnlich wie beim Erlernen einer neuen Bewegung im Sport.
Aktuell relevant: Gedächtnistraining vor der BBR-Prüfung
In Berlin steht für Neuntklässlerinnen und Neuntklässler bald wieder die Vergleichende Arbeit (VA 9) im Rahmen der Berliner Berufsbildungsreife an. Gerade in dieser Prüfungsphase erlebe ich in der Trainingspraxis häufig zwei Dinge gleichzeitig: die Sorge, sich den Stoff aus mehreren Fächern nicht merken zu können – und Konzentrationsschwierigkeiten durch den Prüfungsdruck selbst.
Genau hier lassen sich die oben vorgestellten Techniken gezielt einsetzen:
- Formeln und Merksätze lassen sich gut mit der Loci-Methode einprägen, indem du sie zum Beispiel Zimmer für Zimmer in deiner Wohnung „aufhängst“.
- Fachbegriffe oder Regeln lassen sich zu kleinen Eselsbrücken-Geschichten verknüpfen, die sich viel leichter merken als reine Definitionen.
- Kurze, über mehrere Tage verteilte Wiederholungseinheiten (spaced repetition) bringen erfahrungsgemäß mehr als ein einzelner langer Lernabend kurz vor der Prüfung.
- Für die Konzentration während der Prüfung selbst helfen bewusste, kurze Atempausen zwischen den Aufgaben.
Wer sich zusätzlich Struktur und passenden Übungsstoff für die konkrete Prüfungsvorbereitung wünscht, findet weiter unten einen Hinweis auf passendes Material.
Für wen sich Gedächtnistraining außerdem lohnt
Gedächtnistraining ist kein Nischenthema nur für Prüfungssituationen. Berufstätige profitieren davon beim Merken von Namen und Fakten im Arbeitsalltag, und ältere Menschen nutzen es häufig gezielt, um ihr Gedächtnis langfristig fit zu halten. Auch für Studierende, die große Stoffmengen bewältigen müssen, sind diese Techniken eine wertvolle Ergänzung zum klassischen Lernen.
Zur Vorbereitung auf die BBR-Prüfung
Wer sich konkret auf die Vergleichende Arbeit (VA 9) der Berliner Berufsbildungsreife vorbereiten möchte, findet mit dem BBR-Prüfungstrainer (Autorin: Lina Malou) aufbereiteten Prüfungsstoff, Übungsaufgaben im echten Prüfungsstil und komplette Probeprüfungen zum Trainieren – eine sinnvolle Ergänzung, um die hier beschriebenen Techniken direkt am echten Prüfungsstoff anzuwenden.
Häufige Fragen zum Gedächtnistraining
Grundsätzlich in jedem Alter – die Techniken lassen sich sowohl für Schüler als auch für Erwachsene und ältere Menschen anpassen.
Nein. Es reicht, mit einer einzigen Technik zu starten und sie an echten Beispielen zu üben, bevor du weitere dazunimmst.
Das ist individuell, aber viele bemerken schon nach wenigen Wochen regelmäßigen Übens einen spürbaren Unterschied.
Ja, gerade beim Merken von Formeln, Fachbegriffen und Merksätzen aus mehreren Fächern können sie eine sinnvolle Ergänzung zum eigentlichen Lernen sein.
Beide Themen hängen eng zusammen, sind aber nicht identisch: Konzentration betrifft vor allem den Fokus während einer Aufgabe, Gedächtnistraining das Speichern und Abrufen von Informationen.
Gedächtnistraining ist keine Zauberei, sondern eine erlernbare Fähigkeit – und ein Thema, das mich als AHAB-ausgebildete Trainerin selbst seit Jahren begleitet. Probier noch heute einen der fünf Tipps an einem kleinen Alltagsbeispiel aus und schau, wie schnell sich ein Unterschied bemerkbar macht.




